{"id":10,"date":"2021-11-22T23:40:00","date_gmt":"2021-11-22T22:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tonmars.com\/?p=10"},"modified":"2021-11-22T23:39:25","modified_gmt":"2021-11-22T22:39:25","slug":"strategies-for-the-head","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tonmars.com\/?p=10","title":{"rendered":"ZU DEN ARBEITEN VON TON MARS"},"content":{"rendered":"\n<span class=\"wp-block-invoco-gutenberg-subtitle-block\">Hanna Humeltenberg in NIKE (New Art in Europe) No. 25, 1988.<\/span>\n\n\n\n<p><strong>SCHAUPLATZ<\/strong> (Ausstellung: Galerie Kicken \u2013 Pauseback, K\u00f6ln, 1988. )<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>\u201cF\u00fchlen ohne zu besitzen,                                                                                                                                          hei\u00dft bewahren,                                                                                                                                                               denn es bedeutet, <br>aus einer Sache ihr Wesen<br>herauszuziehen.\u201d<\/em><br>(Fernando Pessoa)<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt &nbsp;f\u00fcr den K\u00fcnstler die Sch\u00f6pfung mit dem Sehen.\nSehen ist schon ein sch\u00f6pferischer Akt, der eine Anstrengung erfordert. Alles\nwas wir im t\u00e4glichen Leben sehen, wird mehr oder weniger entstellt durch\nerworbene Gewohnheiten. 1) &nbsp;Bei den Arbeiten von Ton Mars wird man\ngerade in eine \u2019Schule des Sehens\u2019 geschickt, die die Schlacken der allgemeinen\nWahrnehmung wegfiltert. Seine Bilder sind \u2018Schaupl\u00e4tze\u2019 auf Denen sich ein\ngewisses Zeichen potential \u2018zur Schau stellt\u2019, in einen lebhaften Dialog\nmiteinander tritt. Dies geschieht in einer eigent\u00fcmlich \u2013 subtilen Art und\nWeise, so dass der Betrachter unwillk\u00fcrlich in \u2018den Sog der Zeichen ger\u00e4t\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Ton Mars\n(Jahrgang 1950) lebt und arbeitet in Groningen. In 1979 war er Mitbegr\u00fcnder der\nK\u00fcnstlerinitiative \u2018De Zaak\u2019 in Groningen. Seit 1980 ist er als Dozent f\u00fcr\nMalerei und Zeichnung an der dortigen Akademie der Bildende K\u00fcnste t\u00e4tig. Die\nersten Ausstellungen ergaben sich Anfang der 80iger Jahren in den Niederlanden.\n1986 wurde dann die <em>Shimada Gallery <\/em>in\n<em>Japan<\/em> auf seine&nbsp; Arbeiten aufmerksam und stellte ihn in einer\nEinzelausstellung vor. Im gleichen Jahr war es in Deutschland <em>Cora H\u00f6lzl \/D\u00fcsseldorf, <\/em>die den K\u00fcnstler\nmit eine Pr\u00e4sentation ins Zentrum des Interesses r\u00fcckte. Im November diesen\nJahres werden dort wieder Arbeiten in einer Einzelausstellung zu sehen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Frappierend ist\nzun\u00e4chst einmal, dass es bei den Bildern von Ton Mars schwer m\u00f6glich ist, <em>entweder <\/em>die Zeichen <em>oder<\/em> die Bildfl\u00e4che wahrzunehmen.\nKonzentriert man sich auf die kleinformatigen Bild-Tafeln, so erscheint stets\ndas Bild als Ganzes, als eine Ganzheit; das bedeutet, Zeichen und Fl\u00e4chenumfeld\ntreten in eine intensive, wechselseitige Korrespondenz, verdichten sich zu\neinen \u00e4sthetischen Schauplatz. Duale Kategorisierungen werden damit gekonnt\nabgewehrt. Die Arbeiten erschlie\u00dfen sich so eher einer \u2018unbefangene\nAufmerksamkeit\u2018 als dem Alltagsbewusstsein mit seiner \u2018besorgten\nIntentionalit\u00e4t\u2018, 2) das\npermanent bewertet und urteilt, um damit festgef\u00fcgte Bedeutungen zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die\n\u00e4u\u00dferst&nbsp; kompakten Leinwandkonstruktionen\nbewegen sich die Bilder in einem Zwischenbereich, in einem inter-esse zwischen\nBild und Objekt. Gerade die kastenf\u00f6rmigen Leinw\u00e4nde f\u00f6rdern st\u00e4ndig einen\nillusion\u00e4ren Charakter, verst\u00e4rken die schwebende Dimension zwischen Bild und\nObjekt. Holz als m\u00f6gliche Materialgrundlage h\u00e4tte dagegen die Bestimmung als\n\u2018Objekt\u2018 eindeutig festgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Moment des\n\u2018Nicht-exakt-Bestimmbaren \u2019intensiviert einerseits die Anziehungskraft der\nArbeiten, fordert aber gleichzeitig auch heraus, kann beunruhigen, da das\nDenken zwangsl\u00e4ufig nach festen Definitionen sucht, um die chaotische F\u00fclle der\nErscheinungen zu bannen. Das Nicht-Eindeutige ist (zumeist f\u00fcr den westlichen\nMenschen) schwer zu akzeptieren. So l\u00e4sst Paul Val\u00e9ry in seinem Dialog\n\u2018Eupalinos\u2018 3) den\nwissbegierigen Socrates am Strand ein undefinierbares \u2018Ding\u2019 finden, \u00fcber\ndessen m\u00f6gliche Bestimmung und Herkunft sich ein Philosophischer Diskurs\nentspinnt. Doch das Problem ist nicht l\u00f6sbar. Am Ende wirft Socrates, f\u00fcr\nVal\u00e9ry ein Synonym f\u00fcr den Abendl\u00e4ndischen Denker, dieses \u2018objet ambigu\u2019 wieder\nins Meer, kapituliert vor dessen Relativit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer\nAnalogen Ebene k\u00f6nnte man den Impetus von Ton Mars Bild-Zeichen mit der\nFunktion des zen-buddhistischen \u2018Mondo\u2018 in eine gewisse Beziehung setzen; man\nwird dort falls mit etwas Unbestimmbaren, nicht Eindeutigen konfrontiert, an\ndem die Strategien des Verstandes scheitern. Gerade dieser Bruch macht den\nGeist aber wieder frei, gibt den n\u00f6tigen Ansto\u00df f\u00fcr die \u2018pure Wahrnehmung\u2018, die\nunvoreingenommenes Sehen erst erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberl\u00e4sst man\nsich den Zeichen-Zirkulationen&nbsp; von Ton\nMars, so konfrontieren diese ebenfalls mit einer untergr\u00fcndigen Mehrdeutigkeit,\nda sie vielf\u00e4ltigen Assoziationen Anlass geben; etwa zu Strukturen des\nMikrokosmos, zum Aufbau von Materie \u00fcberhaupt, der sich in physikalischen\nProzessen spiegelt. Es scheint, als w\u00fcrde die Bild-Konstitution&nbsp; eine fundamentale Dynamik demonstrieren, das\nZusammenspiel eines archaisches Vokabular.&nbsp;\nSchon seit l\u00e4ngerem macht sich ja ein intensiver Diskurs zwischen Kunst\nund Wissenschaft bemerkbar, eine Reflexion \u00fcber m\u00f6gliche, identische\nAusgangspunkte von Welterfassung. Ein Moment das sowohl Kunst wie auch\nNaturwissenschaften vorantreibt, ist zweifellos die Komplexit\u00e4t von Realit\u00e4t,\ndie sich etwa den Polen Ordnung-Zufall und damit auch an den Problematik von Ein-\nund Mehrdeutigkeit manifestiert.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die\nfr\u00fcheren Arbeiten von Ton Mars noch mehr fig\u00fcrlichen Assoziationen zulassen,\netwa zur trapezform, reduzieren sich die Zeichen in den folgenden Jahren immer\nkonsequenter. Nicht nur in der Physik, sondern auch in der Kunst der Moderne\nist die Reduktion das Mittel, um eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche&nbsp; Dichte und Konzentration der Thematik zu\nerreichen, um st\u00f6rende Einfl\u00fcsse weitgehend zu eliminieren. Die Bild-Objekte\nzeigen oft schr\u00e4ge Strich-Formationen, die mit konvexen Formen, manchmal\nerinnern diese an offene Ellipsen, in Beziehung treten. Es entsteht so ein\n\u00e4u\u00dferst fragiler Zeichenkosmos, der von einer inh\u00e4renten Dynamik gepr\u00e4gt ist.\nBei aller Eigendynamik des Bildgeschehens wirken die Arbeiten auch \u00fcber sich\nselbst hinaus, in den umliegenden Raum hinein. Fast ist es so, als wenn die\nBild-Objekte ein St\u00fcck weit den Au\u00dfenraum suggestiv besetzen; gerade dadurch\nwird das Umfeld aber in Eigenartigkeit verst\u00e4rkt ins Bewusstsein ger\u00fcckt und\ndamit auch wieder authentisch erfahrbar. Von Bild zum Raum wie auch von Raum\nzum Bild hin scheint sich so eine vibrierende Interaktionszone zu\nkonstituieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nArbeitsprozess verl\u00e4uft dementsprechend vielschichtig, in mehreren Etappen. Nach\ndem Auftragen des Zeichenpotentials mit Kreide folgt die Arbeit an den\nFarbfl\u00e4chen. Da oft r\u00f6tliche T\u00f6ne f\u00fcr den Untergrund verwendet werden, bewirken\ndieses ein subtiles Hindurch schimmern zur Oberfl\u00e4che, was der pastosen\nFarbdichte ein seltsam changierendes Moment verleiht. Durch pr\u00e4zise, haarfeine\nAussparungen am \u00e4u\u00dferen Umriss der Zeichen, wird eine latente Spannung zwischen\nFl\u00e4che und R\u00e4umlichkeit erzeugt, die den prinzipiell mehrdeutigen Charakter der\nArbeiten noch betont. Die vordergr\u00fcndige Monochromen Fl\u00e4chen entpuppen sich so\nals \u00e4u\u00dferst lebendige Territorien; einzelne Partien erscheinen fast\nstumpf-opak, andere Zonen pr\u00e4sentieren verhalten-gl\u00e4nzenden Farbnuancen, so das\neine ideale Folie f\u00fcr die Zeichen-Setzung gegeben ist. Die Fl\u00e4che hebt sich so\nhervor, ohne selbst \u2018in den Hintergrund\u2019 zu treten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFarbkonstellationen wirken unaufdringlich, verhalten, sich zu einer eigenen\nOrdnung und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit zu f\u00fcgen. Neben br\u00e4unlichen Rott\u00f6nen taucht immer\nwieder Blau auf, sei es als Farbe der Zeichen oder der Fl\u00e4chen. Es ist ein luzides\nBlau, angesiedelt in einem schwebenden Bereich zwischen hell- und\nDunkelabschattungen. Gerade Blau transportiert eine ganz spezifische\nAusstrahlung und damit gekoppelt auch Gestimmtheit an den Betrachter heran. Man\nk\u00f6nnte dies Gestimmtheit am ehesten mit \u2018wacher Aufgeschlossenheit\u2018 oder\n\u2018Offenheit in der Beobachtung\u2018 4) umschreiben. Die Farbgebung \u00fcbt also einen\nin-direkten Einfluss auf die menschliche Psyche aus; Farbe wirkt hier wie ein\nKatalysator, der sowohl f\u00fcr die Objekte der unmittelbaren Umgebung als auch f\u00fcr\ndie Welt im allgemeinen die Augen \u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die geistige\nWirkung eines vordergr\u00fcndig \u2018materiellen\u2018 Mediums wie der Farbe wird damit\nevident. Erwiesen ist, dass Farbe Einfluss auf die verschiedenen\nSinneswahrnehmungen des Menschen nehmen kann, als ein bestimmtes energetisches\nPotential wirkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bild-Objekte\nf\u00f6rdern so ein Aufmerken f\u00fcr die Wechselwirkung zwischen geistigen und\nmateriellen Bereichen. Die intensive Besch\u00e4ftigung mit einem abstrakten\nZeichenrepertoire resultiert bei Ton Mars aus einer langj\u00e4hrigen\nAuseinandersetzung mit den klassischen Vertretern dieses Bereichs, so nat\u00fcrlich\nmit Mondrian und der Stijl-Gruppe. Durch harmonische, geometrische\nOrdnungsgef\u00fcge versuchte etwa Mondrian zu einer universalen, absoluten Ordnung\nder Kunst zu gelangen, inzwischen ein klassischer \u00e4sthetischer Ansatzpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><strong>Anmerkungen<\/strong><br>1. Hannes B\u00f6hringer, <em>Begriffsfelder<\/em>, <em>Von der Philosophie zur Kunst<\/em>, Berlin 1985, S. 80.<br>2. ders., a.a.O., S. 103 f.<br>3. Paul Val\u00e9ry, <em>Eupalinos oder \u00fcber die Architektur<\/em>. Leipzig 1927, S. 140 f.<br>4. Volker Harlan, <em>Was ist Kunst? Werkstattgespr\u00e4ch mit Joseph Beuys<\/em>, Stuttgart 1986, S. 112 f.<br>5. Victor Segalen, <em>Die \u00c4sthetik des Diversen<\/em>, Frankfurt 1983, S. 53 u. 111.<br>6. Ton Mars, Hermetica in: <em>The Corresponding Difference<\/em>, Catalog Cora H\u00f6lzl, D\u00fcsseldorf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SCHAUPLATZ (Ausstellung: Galerie Kicken \u2013 Pauseback, K\u00f6ln, 1988. ) \u201cF\u00fchlen ohne zu besitzen, hei\u00dft bewahren, denn es bedeutet, aus einer Sache ihr Wesenherauszuziehen.\u201d(Fernando Pessoa) Es beginnt &nbsp;f\u00fcr den K\u00fcnstler die Sch\u00f6pfung mit dem Sehen. Sehen ist schon ein sch\u00f6pferischer Akt, der eine Anstrengung erfordert. 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